Watzmannüberschreitung

Morgenstimmung am Watzmannhaus. (Alle Rechte Vorbehalten)

Eine königliche Tour über den Wolken

Von Berchtesgaden (572 m) geht’s den Herz-Kreislauf-Weg auf das 1928 m Hohe Watzmann Haus. Was nach Alte-Leute-Wanderung klingt ist für den Kreislauf eines Flachlandtirolers, der morgens um 08:00 am Bahnhof ankommt schon eine kleine Herausforderung. In Abständen von 100 Höhenmetern zeigt einem die exponentiell ansteigende Kurve, an welcher Stelle man sich befindet. Gefühlt nimmt mit dem Anstieg der Kurve die Leistung ab. Mit schlagendem Herz und nach Luft schnappend erreichte ich die Hütte. Mit dem Bezug des Lagers ist alles wieder gut und der Kreislauf hat sich beruhigt. Immerhin ein sportlicher Aufstieg von 1.350 Metern. Man kommt leicht mit anderen über die bevorstehende Tour ins Gespräch. Die meisten planen die Überschreitung: Wie sind die Bedingungen? Steigt man im Anschluss zurück nach Berchtesgaden ab oder bis Wimbachgries? Wohin geht’s im Anschluss? Nach dem Abendessen versucht man es möglichst lange vor der Tür in klirrender Kälte auszuhalten, um den gigantischen Sternenhimmel zu bewundern.

Morgenstimmung am Watzmannhaus.
Morgenstimmung am Watzmannhaus.

Der nächste morgen beginnt sehr früh. Die gelöste Stimmung vom Vorabend ist verflogen. Konzentriert wird nach dem Frühstück die Ausrüstung überprüft und mit den ersten Sonnenstrahlen geht es los. Knapp unterhalb vom Hocheck (2651 m) sieht man die Stirnlampen derer, die schon in der Dunkelheit los sind. Wie eine Perlenschnur aufgereiht schieben sich die Lichter an der Flanke in Richtung des ersten Gipfels, während die umliegenden Berge langsam in glühendes Orange getaucht werden. Der erste Abschnitt ist keine besondere Herausforderung. Das Hocheck nutzen die meisten für eine kurze Pause. Klettersteigsets werden angelegt und Helme aufgesetzt. Für die Wanderer ist hier Schluss – sie machen kehrt und steigen wieder ab.

Der Steig beginnt unmittelbar am Gipfel vom Hocheck. Während sich der Nebel auf dem Königssee verzieht und die ersten Ausflugsdampfer tief unter einem ihre Bahnen ziehen, klopft einem das Herz in spannender Erwartung – zugegeben: eine ganze Menge Adrenalin ist auch dabei. Jetzt geht’s los.

Beginn des Klettersteig zur Watzmannüberschreitung
Beginn des Klettersteig zur Watzmannüberschreitung

Schwindelfreiheit reicht hier nicht. Man sollte keine Probleme mit der vielen Luft um sich herum haben. Die meiste Zeit führt der Steig auf oder knapp neben dem Grad. Zur Linken hat man die mächtige Ostwand und den Königssee unter sich. Zur Rechten die Kitzkartauern und das Wimbachtal mit seiner unberührten Natur. Zwischen den Sicherungen bewegt man sich immer wieder im Absturzgelände. Vorsichtig schiebt man sich über einige vereiste Passagen. Schlüsselstelle: Ein 2×2 Meter großer Steinquader, der schräg zwischen zwei Felsen klemmt. Hier am besten den Sicherungsdraht in die Hand nehmen, spannen und dann rückwärts runter. Ein Sturz würde wohl trotz der Sicherung erst nach ein paar Metern sehr hart enden. Ansonsten fordern die Klettereien einem aber nicht viel Technik ab.

Blick auf die Südspitze. Links die Ostwand vom Watzmann
Blick auf die Südspitze. Links die Ostwand vom Watzmann

Auf der Mittelspitze (2713 m) wird nur kurz verschnauft, bis man sich auf der Südspitze (2712) gegen Mittag, nach sechs Stunden Kletterei, zu einer Brotzeit hinsetzt. Dabei schaut man die 1.800 Meter hohe Watzmann Ostwand hinunter direkt auf den tiefblauen Königssee, auf dem die weißen Ausflugsdampfer ihre Runden drehen. Berchtesgaden liegt im Dunst der Ferne und einige Wolken fliegen auf etwa gleicher Höhe am Horizont vorbei. Von hier oben ist die Schönheit des Nationalparks auf besondere Weise sichtbar. So wird auch nicht viel geredet auf dem Gipfel. Trotz der Anstrengungen zerstört kein Jubelschrei die Idylle. Wer es hierher geschafft hat, genießt den ganz besonderen Platz, den ihm der Berg erlaubt hat einzunehmen, um ihn und die Natur zu bewundern.

Nach sechs Stunden Klettersteig glücklich auf der Südspitze vom Watzmann (Alle Rechte Vorbehalten)
Nach sechs Stunden Klettersteig glücklich auf der Südspitze vom Watzmann
(Alle Rechte Vorbehalten)

Der versicherte Steig endet hier. Nach wenigen Metern beginnt der gefährliche Teil. Es geht zunächst recht steil, später immer flacher Bergab ins Wimbachtal. Nach über sechs Stunden Konzentration und körperlicher Anstrengung passieren auf dem Schönfeld die meisten Unfälle. In dem vermeidlich sicheren Gelände wird man schnell müde und unkonzentriert. Gleich mehrere Stellen sind hier für Hubschrauberlandungen der Bergwacht mit Reflektoren markiert. Quälend lang zieht sich der Abstieg von 2712 Höhenmetern der Südspitze bis zur Wimbachgrieshütte auf 1327 Metern. Obgleich ihrer Lage im Tal, hat die Naturfreundhütte (kein Alpenverein!) keinen Brunnen und nur einen begrenzten Wasservorrat. Besonders im Herbst sollte man sich vorher vergewissern, ob sie noch geöffnet hat.

Der Abstieg von der Südspitze des Watzmann hat es in sich.
Der Abstieg von der Südspitze des Watzmann hat es in sich.

Auf der Terrasse genießt man noch einmal die absolute Stille in dem abgelegenen Tal, schaut in zufriedene Gesichter und geht früh zu Bett. Meine Bewunderung an diejenigen, die von hier aus noch den ganzen Weg zurück nach Berchtesgaden gegangen sind – ich hätte das nie geschafft.

Fazit: Schwierige Tour über zwei Tage, die vor allem konditionell viel abverlangt. Alpine Erfahrung, Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind Voraussetzung.

Karte: „Nationalpark Berchtesgaden“ 1:25.000 vom Landesamt für Vermessung und Geoinformation

Literatur: Der Watzmann – Sicher auf den König der Berchtesgadener Alpen vom Deutschen Alpenverein

Tipp! Die Watzmannüberschreitung eignet sich für den Beginn der Tour “Rund um den Königssee

Das ganze Fotoalbum gibt es auf flickr

Videos von der Mittelspitze auf YouTube

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