Alpenüberquerung auf dem Europäischen Fernwanderweg E5

Zwei Wege bieten sich Wanderern in der Nord-Süd-Richtung an: Der Wanderweg München-Venedig und der Fernwanderweg E5 auf dem Abschnitt von Oberstdorf bis nach Bozen. Letzterer ist in zwei Wochen sehr gut machbar und auch für absolute Anfänger geeignet. Alles was man braucht ist eine Karte, gute Schuhe, einen Rucksack, Abenteuerlust und etwas Kondition.

Man kann die Alpenüberquerung auf dem E5 auch mit einer Alpinschule machen, aber er ist in einer kleinen Gruppe ebenso gut zu schaffen. Gegen einen kommerziellen Anbieter sprechen gleich mehrere Faktoren:

  • Zu zweit oder mit Freunden in einer kleinen Gruppe lässt sich die Natur einfach am besten genießen.
  • Zu keinem Zeitpunkt muss man sich an die Gruppe halten. Pausen kann man machen, wann, wo und so oft man möchte.
  • Die Route! Die meisten Alpinschulen rasen nahezu einmal durch die Alpen. Eigentlich sind diese Touren nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Tagestouren in Nord-Süd-Richtung mit Bus und Taxifahrten vor dem Auf- und nach dem Abstieg. Ich habe mir für den Weg 14 Tage Zeit genommen und bin (bis auf zwei Ausnahmen) alles zu Fuß gegangen. Das lohnt sich gerade für Anfänger. Man bekommt ein viel besseres Gefühl für die zurückgelegte Distanz, kann sich auf den angeblich „uninteressanten“ Etappen etwas erholen und eben diese Etappen sind meist wunderschön! Unbegreiflich wie man das Pitztal im Bus durchqueren kann.

Schnell die Anfahrt nach Oberstdorf organisieren und schon kann es losgehen…

Von Oberstdorf zur Kemptner Hütte

Als ich mich dem Allgäu näherte und links und rechts die Berge immer höher aufragten, stieg in mir auch die Aufregung. Mir wurde schnell klar, dass alles was ich vorher als Training absolviert hatte in einer ganz anderen Liga spielte, als das, was ich jetzt vor mir hatte.

Angekommen am Bahnhof von Oberstdorf (815 m), kaufte ich noch ein paar Müsliriegel und machte mich gegen 14:00 Uhr auf den asphaltierten Weg nach Spielmannsau. An diesem schönen, sonnigen Tag kamen mir viele ältere Wanderer und Familien mit kleineren Kindern entgegen. In Spielmannsau (983 m) gab es noch eine Leberknödelsuppe und ich fragte mich kurz, ob ich die Nacht nicht hier verbringen und morgen mit frischer Kraft an den Start gehen will. Aber nein! Ich hatte mich auf ein Abenteuer gefreut und wollte das nun auch haben! Während sich die Jausenstation langsam leerte und alle wieder in Richtung Oberstdorf aufbrachen, entschied ich mich weiter zu gehen. Geschätzte Gehzeit 3:00 Stunden. Das würde bedeuten, ich bin um 19:00 Uhr auf der Hütte. Pünktlich zum Abendessen – dachte ich…

Also ging es den betonierten Weg zunächst weiter bis zur Materialseilbahn. Rechts neben dem verfallenen Holzverschlag war ein schmaler überwachsener Durchgang. Die Äste formten nahezu ein Tor und unten rechts war auf dem Stein gemalt: E5.

Hier begann also die Reise und meiner Meinung nach gleich eine der schönsten Etappen, die die Algäuer Alpen zu bieten haben. Auf schmalem Weg ging es vorbei an hoch wachsenden Pflanzen, Farnen und Gestrüpp. Deutlich zog der Weg nach oben an, während unter mir die Trettach gurgelnd und sprudelnd zu Tal strebte. Nach ein paar abenteuerlichen Querungen des Baches über Behelfsbrücken oder Schneefelder machte ich bei der Kapelle „Maria am Knie“ eine kurze Pause. Der weitere Weg war hauptsächlich in den Fels gehauen und häufig durch Wasserfälle, teilweise knöcheltief überschwemmt. Während die Sonne langsam immer tiefer hing und das goldene Licht in das Tal schien, merkte ich, wie anstrengend eine Bergtour sein kann. Ich hätte nach dem Zeitplan schon seit über einer halben Stunde auf der Hütte sein sollen, doch die war noch immer nicht zu sehen. Die letzten Wanderer kamen mir vor einer Stunde entgegen und ich war ganz alleine. Handy-Empfang gab es nicht und langsam befürchtete ich, dass ich es nicht vor Einbruch der Dunkelheit schaffen würde. Der Grund lag die ganze Zeit vor mir. Ich sah um mich herum nur Berge. Nicht die Spur einer Hütte oder eines Zeichens, dass hier demnächst ein Flecken Zivilisation auftaucht wo ich Essen und ein Bett bekomme. Aber gegen 20:30 tauchte uhrplötzlich an der rechten Seite, hinter einem Vorsprung, die Kemptner Hütte (1.844 m) auf. Es gab noch ein gemütliches Zimmer und zum Abschluss des ersten Tages konnte ich die Wasserfälle sehen, die von der roten Abendsonne angeleuchtet ins Tal stürzten.

Von der Kemptner Hütte nach Madau

Am nächsten Tag sollte es früh los gehen, aber wo waren die anderen Wanderer hin, die gestern Abend noch im Wirtsraum saßen? Um 8:30 Uhr hat man auf Alpenvereinshütten tatsächlich häufig den Frühstücksraum für sich. Aber es ist Urlaub und da wollte ich mich nicht stressen lassen. Also gemütlich gegessen, den Rucksack gepackt und weiter. An der deutsch-österreichischen Grenze (1974 m) konnte ich das erste Mal durch das Höhenbachtal ins Lechtal und die dahinter liegenden Berge sehen. Um mich herum nur Natur und Stille. Der leichte Abstieg ins Tal führte mich schnell wieder an einen Bach, der wild ins Tal stürzte und immer wieder unter kleinen Schneefeldern verschwand, über die ich ihn queren konnte. Der Wanderweg wurde breiter, dann fester, bis ich auf einer Schotterstraße an Gasthöfen vorbeikam. Gegen Mittag erreichte ich Holzgau (1103 m) und wurde von einem Schild begrüßt, dass für Wanderer auf dem E5 einen Shuttle anbot. Ich lehnte dankend ab, denn mein Ziel war, die Alpen zu Fuß zu überqueren und nicht ein paar Bergwanderungen zu machen um den Rest der Strecke dann mit dem Taxi zu fahren. Man kann sich wirklich darüber streiten, ob sich der asphaltierte Weg endlang des Lechs in Richtung Madau lohnt. Schön ist er sicher nicht und heiß wurde es auch. Aber meiner Meinung nach gehört auch das zu einer Alpenüberquerung.

Entlang der Felder konnten sich meine Waden auf dem geraden Stück etwas erholen und ich genoss den schönen Tag. Als ich nach Süden in das kleine Seitental bog, wurde ich von einem Geländewagen mit Anhänger überholt. Der nette Fahrer fragte, wo ich hin möchte und stellte sich als Wirt des Gasthauses Hermine (des einzigen Gasthauses in Madau) vor. Wie praktisch! Er bot mir an, den schweren Rücksack mitzunehmen und bei der Hitze und der Tatsache, dass ich bereits wieder mehrere Stunden unterwegs war, nahm ich dankbar an. Außerdem hatte die ungewohnte Belastung an Schultern und Hüften schon den ganzen Tag Schmerzen verursacht. 10 Sekunden später, als der Wagen in einer Staubwolke hinter der nächsten Serpentine verschwand, bereute ich meine Entscheidung. Ich hatte gerade einem wildfremden Mann mein gesamtes Gepäck gegeben. „Geistesgegenwärtig“ habe ich noch die Kamera und mein Portmonee aus dem Rucksack genommen. Nach einer weiteren Stunde war ich aber wieder beruhigt. Der Wirt war wirklich der Wirt, meine Sachen waren natürlich noch da. Ich bekam ein nettes kleines Zimmer und ein leckeres Abendessen in diesem wunderschönen Gasthaus (1300 m).

Vom Berggasthaus Hermine zur Memminger Hütte

Der nächste Tag brachte eine kleine Überraschung. Der Wirt hatte mir am Vorabend schon angekündigt, dass das Wetter sich verschlechtern würde. Ich saß nun beim Frühstück, während der Regen gegen die Scheiben der gemütlichen Stube prasselte. Auf meine Frage, ob er den Weg unter diesen Bedingungen gehen würde, antwortete er: „nein!“ Er würde natürlich mit dem Auto um den Berg herumfahren, aber ich könnte ruhig gehen. Es fiel mir nicht sonderlich schwer aufzubrechen, da der Regen schnell aufhörte und ich ja auch meine neuen Regensachen ausprobieren wollte.

Also ging es zunächst durch das wolkenverhangene Tal an einem ausgetrockneten Flussbett entlang bis zu Materialseilbahn. Hier begann der Aufstieg über einen dicht bewachsenen Hang. Wieder setzte leichter Regen ein und außerdem wurde es zunehmend warm und anstrengend. Der Weg war erdig und begann immer matschiger zu werden, was mir das Gehen zusätzlich erschwerte. Von Zeit zu Zeit nahmen mir Wolken die Sicht und die Schauer wurden abwechselnd kräftiger und schwächten sich wieder ab. Als es eine breite Rinne hinauf ging tauchte zwischen zwei Wolkenfetzen plötzlich in etwa 200 Meter Entfernung die Memminger Hütte (2242 m) auf. Obwohl der Weg und die Markierungen die ganze Zeit gut sichtbar waren, hatte ich keine Ahnung, dass die Sicht zwischendurch so schlecht war. Völlig durchnässt wurde ich sehr herzlich von der freundlichen Wirtsfamilie begrüßt. Im gut beheizten Wirtsraum roch es nach dem Holzfeuer im Ofen und gutem Essen, während der Regen gegen die Scheiben prasselte und draußen die Sicht gegen Null ging. Meine durchnässte Kleidung hängte ich zum Trocknen auf und bei einem sehr leckeren Mittagessen fiel mir die Entscheidung sehr leicht, heute nicht mehr weiterzugehen. Für den Rest des Nachmittages machte ich es mir gemütlich und erholte mich. Die kalte Dusche war der einzige Wehmutstropfen.

Von der Memminger Hütte nach Zams

Der Blick aus dem Fenster war ernüchternd: Eine weiße Wand. Nicht einmal der Boden war aus dem ersten Stock zu sehen. Obwohl ich mich gestern nicht zu sehr angestrengt hatte, war der Muskelkater heute am stärksten. Ich bin kaum die Treppe zum Frühstücksraum runtergekommen. Zum ersten Mal machte ich mich gemeinsam mit den anderen fertig. Frühstück, Rucksack packen, Regenkleidung an und los. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört und es klarte schnell auf. Die Luft war angenehm kühl und in kleinen Grüppchen machte ich mich auf den Weg über die Seescharte in Richtung Zams. Spektakulär war der Blick zurück auf die Hütte, Seen und umliegende Gipfel. Die Scharte (2599 m) war wirklich eine kleine Kerbe in der Felswand, über die ich auf die andere Seite kletterte und eine kurze Pause machte. Trotz des vielen Regens war der steinige Weg gut gehbar und nicht rutschig.

Schon bald veränderte sich die Landschaft und war nicht mehr schroff und hochalpin sondern bewaldet. Das Wetter besserte sich am Nachmittag, die Sonne schien nun beständig und brach ihr Licht im Nadelwald. Es wurde warm. Ich fand mich ganz alleine in einer nahezu unberührten Natur wieder, als ich mir die Frage stellte, warum Menschen wohl um die halbe Welt nach Neuseeland fahren, wenn es hier doch so schön ist.

Als ich Zams dann das erste Mal sah, habe ich mich schon etwas erschrocken. 700 Meter unter mir tauchte das kleine Städtchen auf und ich mühte mich in endlosen Serpentinen steil bergab. Nicht auszudenken dies alles hinaufsteigen zu müssen! Hinab war leider auch kein vergnügen. Nahezu am Ende meiner Kräfte spürte ich die Anstrengungen der letzten Tage in den Gelenken und ich wurde langsam im unsicher im Gang.

Völlig erschöpft spuckte mich der Wald an der Ortsgrenze zu Zams (775 m) aus. Mit 1882 Metern habe ich heute den längsten Abstieg auf dem E5 geschafft. Ich fand das Hotel Thurner in dem sehr deutlich zwei Kulturen unter einem Dach zusammen trafen. Beim Abendessen wurde ich von goldenen Winkekatzen beobachtet und die bunte Lichterkette an der traditionellen Holzvertäfelung versprühte ein ganz eigenes Flair. Nach der langen heißen Dusche hatte ich mich dafür entschieden, am nächsten Morgen auszuschlafen und entgegen meinem eigentlichen Plan erst gegen Mittag und mit der Seilbahn auf den Venet zu fahren. Ich befürchtete, dass die Alpenüberquerung sonst an meiner Kondition scheitern würde.

Über den Venet von Zams nach Wenns

Trotz einer angenehmen Nacht hat der gestrige Tag seinen Tribut gefordert. Etwas wackelig auf den Beinen schleppe ich mich gegen Mittag zur Seilbahn. Aus der Gondel sehe ich zu meiner Erleichterung einen asphaltierten Wirtschaftsweg, auf dem ich sonst den Vormittag verbracht hätte. Also nichts verpasst. Auf dem Venet weht mir ein kühler Wind ins Gesicht. Während die Sonne auf dem Kopf brennt, kann ich ein atemberaubendes Panorama genießen. In der Ferne, so erklären mir andere Wanderer, sieht man die Zugspitze. Aber unter den vielen Gipfeln kann ich sie nicht ausmachen. Sehr gut sieht man die bewaldete Wand, über die ich gestern abgestiegen bin und die mir die letzten Kräfte geraubt hatte. Weiter hinten der Weg, auf dem ich gestern gegangen bin. Nun geht es aber weiter auf dem unspektakulärem, grasbewachsenen Kamm des Venets über die Gipfel Krahberg (2208 m), Glanderspitz (2513 m), Wonnejöchl (2497) und Kreuzjoch (2464 m).

In gemütlichem Tempo geht es auf der Südseite wieder abwärts, bis ich mich mitten in einem Hochmoor wiederfand. Gar nicht so einfach, aus der matschigen Pampe wieder raus zu kommen. Im gemütlichen Örtchen Wenns (962 m) gab es ein Hotel und eine kleine Pension. Ich haben mich für die Pension entschieden und bin nicht enttäuscht worden. Die Wirtin war extrem nett und hat mir sogar noch einen Teil der Wäsche gewaschen und getrocknet. In Wenns selbst waren die Bordseine schon hochgeklappt und so bin ich nach einem guten Abendessen früh ins Bett.

Von Wenns nach Mittelberg

Als ich an diesem Morgen aufstand, traute ich mich gar nicht aus dem Fenster zu sehen. Die umliegenden Berge waren verhüllt und Wolkenfetzen zogen durch das Tal. Da die meisten Wanderer auf dem E5 die heutige Tagesetappe mit dem Bus fahren und zur Braunschweiger Hütte (2759 m) aufsteigen, ist der Weg in Wenns zum ersten Mal nicht gut ausgeschildert. Es dauert ein wenig, bis ich mich mit der groben Karte in dem Ort zurecht finde und auf dem richtigen Weg ins Pitztal bin. Die heutige Etappe ist lang, hat aber nicht viele Höhenmeter, die bis auf einen Anstieg gleich zu Anfang sehr gleichmäßig verteilt sind. Der Rucksack drückt heute wieder etwas mehr an den Hüften und vom Muskelkater bin ich auch noch nicht ganz geheilt. So sind die ersten Meter anstrengend.

Es geht in ein kleines Waldstück. Schnell kommt die Sonne raus und beginnt die hohe Luftfeuchtigkeit zu verdampfen. Es wird schwül und im Schatten schwirren Millionen von Insekten um mich herum, als ich im immer steiler werdenden Anstieg anfange zu schwitzen. Endlich aus dem Wald heraus sind, freue ich mich über den leichten Wind, der mir das Gehen etwas erträglicher macht. Zunächst geht es an der Landstraße weiter und immer wieder fehlt ein Weg für Fußgänger. Dann kommen ich an kleinen alten Bauernhöfen und verträumten Hütten vorbei. Ich genieße den Blick auf die bewaldeten Hänge um mich herum und freue mich, dass ich nicht im Bus hier durchgerauscht bin. Aber als zur Mittagszeit etwa 1/3 der Strecke geschafft ist, komme ich auf die Idee, vielleicht doch noch den Bus zu nehmen und am gleichen Tag zur Braunschweiger Hütte aufzusteigen. Denn ich sehe folgendes Problem: Wenn ich erst morgen aufsteige, würden entweder zwei recht kurze oder eine sehr lange Etappe vor mir liegen. Also, schnell die Rechnung bezahlt, im Laufschritt zur Bushaltestelle und schon sitze ich im Bus.

Auch wenn die Landschaft zum Talschluss immer schöner wird, bereue ich diese Entscheidung noch nicht. Von der Endstation sind es noch ein paar Minuten bis zur Materialseilbahn und somit zum Aufstieg. Aber schon im Bus konnte ich beobachten, dass immer größere und dunklere Wolken durch das Tal gedrückt werden und tatsächlich sind die umliegenden Gipfel nun wieder von dunklen Wolken verhangen. An der Materialseilbahn traf ich auf einen Bergführer mit einer Gruppe junger Kletterer. Während ich mir wegen des Wetters unsicher war, wollte Die Gruppe noch aufsteigen. Die Kletterer legten ihre Rucksäcke in die Materialseilbahn und verschwanden im bewaldeten Hang. Ich hingegen hatte ein schlechte Gefühl alleine im Berg bei einem Gewitter festzuhängen und kehrte zurück nach Mittelberg (1734 m). Nur eine halbe Stunde später hörte ich das erste Mal ein lautes, tiefes Grollen, das meine Entscheidung bestätigte. Kurz nach Ankunft in der Pension brach ein fürchterliches Gewitter los.

Von Mittelberg nach Sölden

Am Morgen hatte sich das Wetter wieder beruhigt, obwohl die Wolken noch immer tief hingen. Es war deutlich kühler geworden und die Sonne hatte Mühe, durch die Wolken zu dringen. Gestern hätte ich die Materialseilbahn mitnutzen können. Heute trage ich meinen Rucksack die etwa 1.000 Höhenmeter selbst rauf. Der Anstieg ist so steil, dass mir schnell warm wird. Immer ziehen Wolken von unten an mir vorbei und es fängt nach ein paar hundert Höhenmetern an zu schneien. Tief unter mir konnte ich den Talabschluss sehen und die ersten Wanderer, die mit dem Bus ankamen. Aber hier oben bin ich ganz alleine, als der Schnee anfängt, seine Akzente auf Büsche und Wiesen zu setzen, die jedoch sofort wieder wegschmelzen. Immer wieder verschwand auch das Tal unter mir und ich war völlig umgeben von Wolken. Der Weg war gut zu erkennen, aber weiter als 50 Meter reichte die Sicht nicht.

Als es über einen kleinen Kamm ging, riss die Wolkendecke auf und ich fand mich plötzlich in hochalpinem Gelände wieder. Die Braunschweiger Hütte(2795 m) war schon zu sehen und der Blick auf den Gletscher atemberaubend. Auf Fotos ist der Gletscher im Sommer immer braun und sieht „schmutzig“ aus. Aber auf dem Eis ist der Schnee von letzter Nacht liegengeblieben und so erstrahlt er majestätisch schön in reinstem Weiß.

Es war früher Mittag als ich die Braunschweiger Hütte erreichte und trotz des steilen Anstiegs war ich nicht sonderlich erschöpft. Nach einem deftigen Mittagessen ging es also weiter.

Ein paar Höhenmeter fehlten noch, bis ich am Pitztaler Jöchl den Alpenhauptkamm überschritt und damit auch mit 2992 Metern den höchsten Punkt meiner Wanderung erreichte.

Immer wieder wechselten sich Wolken und Sonne ab. Mehrmals musste ich stehen bleiben, weil die Sicht so schlecht wurde, dass ich den Weg nicht mehr sehen konnte. Ein paar Sekunden später, als die Wolke vorbei zog, bot sich mir eine atemberaubende Aussicht in völlig klarer Luft.

Der Abstieg führte zunächst über ein tiefes Schneefeld, welches ich recht mühelos und schnell bewältigte. Immer näher kam da aber schon der Baulärm aus dem Tal. Mit Baggern wurde hier die Erde umgewühlt, um aus der Straße durchs Rettenbachtal eine mit Beschneiungsanlagen ausgestattete Skipiste zu machen und das Gletscherskigebiet mit Obersölden zu verbinden. Nach den Tagen, in der ich durch so viel ruhige und unberührte Natur gelaufen war und jeden Tag nur eine Handvoll Menschen auf den Wegen traf, wirkte der Lärm der Maschinen fast schon verstörend auf mich. Unfassbar, was der Natur hier angetan wird.

Am Talende war ich überrascht, dass Sölden (1368 m) aus der Entfernung gar nicht so schrecklich aussieht. Auch wenn sich hier Bettenburgen aneinander reihen, hat der Ort die traditionelle Architektur bewahrt. Hier verließ ich den offiziellen E5, um morgen einen Ruhetag in Sölden einzulegen. Die letzten Höhenmeter quälte ich mich dann über steile Skipisten hinunter und auch die Knie taten immer stärker weh. Ich sehnte mich nach der Erholung.

Von Sölden nach Rabenstein

Ich war gut erholt, merkte aber nach wenigen Metern bergab, dass die Knie immer noch sehr wehtaten. Sie schienen die ungewohnte Belastung nicht durchzustehen und auf meinem Weg hatte ich schon mehrmals von Wanderern gehört, dass sie  Touren wegen Knieschmerzen abgebrochen hatten. Ab jetzt war ich über jeden Meter froh, den ich nicht bergab steigen musste.

Ich verließ Sölden in südlicher Richtung. Es ging direkt an der Mülldeponie vorbei. Was für ein passender Abschied! In Zwieselstein traf ich wieder auf den offiziellen Fernwanderweg E5. Nun ging es aber weg von der Straße, links in einen kleinen Waldweg. Schnell wurde der Straßenlärm leiser und ich arbeitete mich in Serpentinen einen bewaldeten Hang hinauf. Die Belohnung folgte schnell. Ich schaute von der Flanke auf den Nederkogel und tief in das Ötztal hinein. Das Wetter war morgens noch wechselhaft und schien nun endgültig schlecht zu werden. Der weitere Weg führte mich dann zum Timmesjöchl (2509 m), über den auch eine Pass-Straße führt, die vor allem bei Motorradfahrern beliebt ist. Obwohl der Weg nur in ein paar Metern Entfernung parallel zur Straße verläuft, fühlte ich mich nicht sonderlich gestört. Der Wanderweg duckte sich immer wieder weg, abenteuerliche Behelfs-Brücken querten schmale Bäche und ich war weit und breit alleine. Zum Jöchl ging es mit sanfter Steigung. Schon früh sah ich die Hütte, die auch auf meiner Karte verzeichnet war und in der ich Mittag essen wollte. Der kalte Wind drückte von hinten die Wolken gegen die Berge vor mir. Es fing wieder an zu schneien und wurde ungemütlich kalt. Ich hatte die Hütte schon über eine Stunde in Sicht und sie wollte einfach nicht näher kommen. Dabei habe ich mich doch so sehr nach einem gemütlichen Wirtschaftsraum mit Kamin und warmen Essen gesehnt. Bis dahin mussten Energieriegel und Wasser aus der Flasche genügen.

Direkt auf dem Scheitelpunkt des Passes standen mehrere verlassene Grenzgebäude. Als ich die vielen verfallenen Gebäude sah, habe ich mich zunächst erschrocken, aber ein paar Meter weiter war doch noch eine Gaststätte, in der ich etwas Warmes zu Essen bekommen sollte. Als ich mit regennassen Klamotten dort reinstolperte, wurde ich angesehen, als wenn ich vom Mars bin. Klar, ich war halb vermummt, mit Regenhülle über dem Rucksack usw. Aber an den Tischen saßen nur Motorradfahrer, die ebenfalls in voller Montur waren. Also schaute ich genauso komisch zurück. Ich konnte mich etwas aufwärmen, hatte den schlechtesten Leberkäse, die ich je gegessen hatte und war auch noch etwas verwirrt, weil in der Gaststätte geraucht werden durfte.

Ich hatte keine Lust lange zu bleiben und es war früher Nachmittag, als ich mich wieder aufmachte. Direkt hinter dem Häuschen überquerte ich die Grenze zu Italien und stieg ein paar Meter in eine Schlucht hinab. Hier habe ich auch die Wetterscheide passiert. Der Himmel über mir war tatsächlich blau und es wurde spürbar wärmer – ja klar, ich war in Italien! Am Ende der Schlucht sah ich die Südtiroler Berge in der Sonne. Etwas unheimlich war mir dennoch zu mute. Das Tal lag im Schatten und als ich an einer verlassenen Alm vorbei kam, fingen die Murmeltiere an, sich mit ihren Pfiffen zu warnen. Über mir sah ich große Raubvögel. Gegen Abend kam ich ins Passeiertal. Kurios: Über mir flogen Heuballen an Stahlseilen von den umliegenden Almen ins Tal. Die hügelige Landschaft wurde von der Sonne in ein goldenes Licht getaucht und ich fühlte mich nach Mittelerde versetzt. An einer kleinen Straße kam ich an dem urigen Gasthaus Rabenstein (1400 m) vorbei, in dem ich sehr herzlich willkommen geheißen wurde. Nach einer riesigen Portion hausgemachten Kaiserschmarrn ging es für mich ins Bett.

Von Rabenstein zur Pfandler Alm

Was für ein herrlicher Morgen! In den letzten Tagen war es immer stark bewölkt, aber an diesem Tag war der Himmel strahlend blau. Auch wenn es die Sonne noch nicht ins Tal geschafft hatte, sah ich, dass es heute schön warm und ich für die letzten ungemütlichen Tage entschädigt werden würde. Es fiel mir schwer, mich von dem gemütlichen Frühstückstisch zu verabschieden. Kaum aus der Tür wechselte ich von langen Hosen auf kurze und schlenderte durch das märchenhafte Tal. Traditionelle Bauernhäuser stehen im Dörfchen Gasteig um eine Kirche herum, und es war herrlich ruhig. Ich kam an die Passer, die auf mehreren hundert Metern begradigt wurde. Aber selbst die Bauarbeiten konnten die morgendliche Idylle nicht stören. Im schattigen Uferweg ging es gemächlich abwärts nach Moos (1007 m). Hier hatte ich um 11:00 Uhr meine erste Rast und hier habe ich mir auch meine Wanderstöcke gekauft (ich hätte es viel eher tun sollen). Nach einem kurzen Snack ging es weiter zwischen Feldern und vereinzelten Bauernhöfen. Ich konnte nun weit ins Tal und sehen und genoss die umliegenden Gipfel und Wasserfälle. Etwas weiter unter mir in der Ferne sah ich schon St. Leonhard (603 m). Mit schönem Panoramablick aber weitgehend unspektakulär auf breitem Wege ging es nun wieder leicht abfallend in Richtung Ortsmitte. Hier gab es eine große Portion Spaghetti zum Mittag und ich konnte mir richtig viel Zeit lassen. Außerdem merkte ich, dass ich kaum mehr müde von den Etappen bin und fühlte mich richtig fit. Ich hatte mich wohl „warm gewandert“.

Das Wetter blieb auf meiner Seite und nachdem die Mittagshitze etwas abgeklungen war, machte ich mich wieder auf den Weg in Richtung Pfandler Alm (1345 m). Hier stieg ich nun auf die Sarntaler Alpen, einen Gebirgskamm, auf dem ich auch die letzten Tage der Alpenüberquerung verbringen sollte.

Es dauerte nur noch anderthalb Stunden bis ich über Forstwege durch schöne Wälder an der relativ neuen Pfandler Alm ankam. Nach einer wirklich erfrischenden Dusche ließ ich diesen schönen Tag auf der Terrasse mit einem großen Bier, Kümmelbrot und einer großen Wurst- und Käseplatte ausklingen. Die Sonne verschwand hinter den Bergen gegenüber und es war noch lange schön mild draußen.

Von der Pfandler Alm zur Hirzer Hütte

Nach einer sehr erholsamen Nacht wachte ich früh morgens auf. Auch heute begrüßte mich ein blauer Himmel. Es war kühl. Die Sonne hatte es noch nicht über die Berge geschafft, aber man merkte an der Luft, dass es wieder ein heißer Tag werden wird. Schon bei der Planung in Hamburg hatte ich mich dafür entschieden, die letzte Etappe auf zwei Tage zu verteilen und auf der Hirzer Hütte (1983 m) zu übernachten. Diese Unterteilung ist laut Wanderführer zwar etwas für ältere Leute, aber ich hatte die Zeit und die letzten Etappen waren recht anstrengend. Ich freute mich heute, ganz ohne Zeitdruck, die Natur wirklich genießen zu können. Trotzdem machte ich mich früh auf den Weg, denn er stieg steil an und führte mich die meiste Zeit über Bergwiesen, auf denen es keinen Schatten gab. Außerdem machte sich hier bereits die Südtiroler Geologie bemerkbar: Obwohl ich nicht besonders hoch war, gab es kaum Möglichkeiten, Trinkwasser aufzufüllen. Ich lief abwechselnd durch Wälder und über wilde Wiesen auf denen sogar noch einige Blumen blühten.

Hinter mir duckte sich das Passeiertal vor den mächtigen schneebedeckten Gipfeln der Ötztaler Alpen. Ich ware richtig Stolz, als ich sah, von wo ich ganz hergekommen bin. Und es ging mir gut! Keine Schmerzen in den Knien oder andere Wehwehchen mehr. Ein kühler Wind wehte über die Hänge und am Himmel waren nur zur Zierde ein paar Wolken. Genussvoll ging ich, immer wieder pausierend, ein Stück hinunter zur Mahd-Alm (1991 m), an der ich aber nur kurz hielt. Der Weg zur Hirzer Hütte war nicht mehr weit und hier bezog ich am frühen Nachmittag mein Zimmer und ließ den Abend vor einer kitschigen Kulisse auf der Terrasse ausklingen.

Von der Hirzer Hütte zur Meraner Hütte

Schon wieder ging es an diesem Tag früh los. Diesmal jedoch nicht wegen der Strecke (eigentlich wäre der Weg ja nur eine halbe Tagesetappe), sondern weil mich der Wirt vor einem Gewitter gewarnt hatte, das gegen Nachmittag aufziehen sollte. Es ging recht mühsam in Serpentinen über ein Schotterfeld, bis ich zwei Stunden später die 700 Höhenmeter zur Hirzerscharte (2670 m) hinter mich gebracht hatte. Oben angekommen konnte ich die schöne Aussicht geniessen. Von oben sah die Hütte gar nicht so weit weg aus, Meran dahinter aber umso weiter. Auf der anderen Seite ging es recht steil hinunter und zwischen bewaldeten Hängen lag idyllisch ein See. Schon seit etwa einer Stunde zogen im Dunst immer mehr Wolken auf und begannen sich zu großen Türmen zusammen zu schaufeln. Mir wurde langsam mulmig. Umkehren? Sicher wäre ich in etwa einer Stunde wieder in der Hütte und könnte die Seilbahn nach Meran nehmen. Im Wanderführer war sogar eine Schlechtwettervariante für diese Etappe aufgeführt und das Erlebnis am Aufstieg zur Braunschweiger Hütte steckte mir noch in den Knochen. In jedem Fall sollte ich auf die Besteigung des Hirzers verzichten, obwohl es zum Gipfel nur noch 200 Meter waren.

Also ging es nach einer kurzen Pause auf dem Kaiserjägersteig, einem Pfad, der von den österreichischen Kaiserjägern im 1. Weltkrieg angelegt wurde, weiter. Der Umstand und die Geschichte des Weges berührten mich nur wenig, anders als dies ein paar Jahre später auf dem Dolomiten Höhenweg Nr. 1 der Fall sein würde. Im Gegensatz zu den Wegen der vergangenen drei Tage war der Kaiserjägersteig wieder ein anspruchsvoller Wanderweg. Recht steil ging es am Rande des schmalen Pfades hinunter und häufig musste ich große Schotterfelder queren, während sich der Himmel um mich herum immer weiter zuzog. Das erste Grollen des Donners hörte ich, als ich gerade etwas mehr als die Hälfte des Weges geschafft hatte. Die anderen Wanderer, die morgens mit mir von der Hütte aufgebrochen waren, hatte ich an der Hirzerscharte hinter mir gelassen. Sie wollten auf den Hirzer und mussten jetzt entweder recht weit hinter mir oder bereits wieder abgestiegen sein. Der Donner kam immer näher und kurz überlegte ich in einer Schutzhütte, die ich passierte, Unterschlupf zu suchen. Aber was würde das bringen? Zum einen stand sie sehr exponiert mitten auf einer Wiese. Wenn der Blitz im Umkreis von 300 Meter einschlagen würde, dann dort. Zum anderen hatte ich keine Ahnung, wie lange das Unwetter anhalten würde. Wenn es dunkel würde, müsste ich unter Umständen sogar darin übernachten. Mit Biwacksack, Schlafsack und warmen Klamotten sowie Proviant sicher kein Problem – aber einladend war der Holzverschlag nun wirklich nicht und diente des Öfteren wohl schon mal als Toilette. Schnellen Schrittes ging ich also weiter und kam in dem nun leichten Gelände gut vorwärts, so das mich die ersten dicken Regentropfen trafen, als ich die Tür zur Meraner Hütte öffnete.

Von der Meraner Hütte nach Bozen

Der letzte Tag! Er fing etwas kühl und regnerisch an, aber ich war gespannt, was die letzte Etappe noch zu bieten hat. Zusammen mit einer weiteren Gruppe Wanderer, die ich beim Abendbrot kennen gelernt hatte, machte ich mich auf den Weg über Wiesen und Felder. Schnell ließ ich die vielen Skilifte und Beschneiungsanlagen des Skigebietes Meran 2000 hinter mir, spürte aber, dass ich nicht mehr im Hochgebirge war. Ich kam in den Bereich des Tschögglberg und am späten Vormittag traf ich nun auf immer mehr Tagesausflügler. Die Gegend war nun über Straßen und Liftanlagen gut erschlossen und zwischen Weiden und Bergwiesen befanden sich immer wieder größere Gaststätten. Ich muss zugeben, dass ich mit der Massenabfertigung und vor allem mit den Massen an Menschen ganz schön fremdelte! Im Laufe des Tages merkte ich, dass ich mich immer weiter von den hohen Gipfeln entfernte. Ein langsamer Abschied von den Bergen, der mich auch ein wenig traurig stimmte. Landschaftlich hat die Etappe nicht mehr viel zu bieten und auch der Weg ist nicht sonderlich spannend, sondern breit und viel zu gut ausgebaut. Ich war spannenderes gewöhnt. Diese Etappe glich eher einer Tageswanderung im Mittelgebirge.

Für die letzte Nacht gönnte ich mir eine Übernachtung im Hotel Figl, einem sehr netten und modernen kleinen Hotel mitten in Bozen. Nach dem Check-in und einer ausgiebigen Dusche blieb noch genug Zeit, die Stadt mit ihrem schönen Dom und den vielen Laubengängen zu besichtigen. Nur das Ötzi-Museum habe ich mir geschenkt. Was mich in Bozen sehr beeindruckt hat: Hier wird die Zweisprachigkeit wirklich gelebt, wie ich es noch nie erlebt habe. Jedes Schild ist auf Deutsch und Italienisch und zu dem südtiroler gesellt sich auf charmante Weise das italienische Flair.

Am nächsten Tag ging es nach einem typisch italienischen Frühstück, auf dem Platz vor dem Hotel, gegen 10:00 Uhr mit dem Zug von Bozen nach München. Von dort weiter mit dem Flugzeug nach Hamburg.

Hier findet ihr noch mal alle Bilder der Alpenüberquerung in einer Galerie:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Kommentiere den Artikel

Bitte gib einen Kommentar ein
Bitte gib Deinen Namen an